Hört auf zu glotzen!

Ich bin ehrlich: Bisher wurde Jonas* noch nie blöd angeschaut, wenn wir mit ihm unterwegs waren. Allerdings habe ich schon sehr viele Geschichten gehört von Eltern, die mit ihrem Kind mit Down-Syndrom blöde Blicke (und oft auch blöde Sprüche) von anderen Leuten erleben mussten.

Dieser fragwürdige Kelch ist wie gesagt bisher an uns vorbeigegangen, was eventuell daran liegen könnte, dass wir zum einen Dank des ländlichen Raums, in dem wir leben, keinen ÖPNV nutzen und die vergangenen zwei Jahre lang teilweise monatelang einfach kaum im öffentlichen Raum unterwegs waren, jedenfalls nicht mit Kind.

Nichtsdestotrotz möchte ich zu diesem Thema meinen Senf dazugeben – schlussendlich auch deshalb, weil ich genau weiß, dass auch wir natürlich nicht unser Leben lang vor Geglotze gefeit sein werden.

Warum glotzen Menschen?

Warum glotzen Leute, wenn sie auf der Straße einen Menschen mit sichtbarer Behinderung sehen?

Vielleicht sollte man sie einfach mal fragen – ganz ungeniert, genauso ungeniert, wie sie eben andere Leute anstarren. Ob dabei allerdings ehrliche Antworten herauskommen würden, wage ich zu bezweifeln.

Allerdings scheint ja allgemein bekannt zu sein, dass der Mensch eben gerne das anstarrt, was er nicht kennt, was ihm fremd ist oder was ihm ungewöhnlich und/oder anders als „normal“ erscheint.

Beglotzt werden betrifft viele

Ebenfalls hinlänglich bekannt ist, dass das Angeglotztwerden nicht nur Menschen mit sichtbarer Behinderung betrifft, sondern eben alle Menschengruppen, die „aus dem Rahmen“ fallen – und dieser Rahmen ist je nach Weltoffenheit und oft auch Bildungsstand der Leute mal größer und mal ziemlich klein.

Über Kinder heißt es auf der einen Seite, sie seien noch so schön vorurteilsfrei. Auf der anderen Seite sind es oft sie, die stehenbleiben und schauen, wenn sie etwas oder jemanden sehen, der anders aussieht als alles, was sie bisher unter „normal“ verbucht haben. „Glotz nicht so, geh weiter“, ist wohl ein sehr bekannter Elternspruch.

Auch Wegschauen hilft niemandem

Genau das, das Weitergehen und Bloß-nicht-Hinschauen, ist dann die scheinbar einzig andere Reaktionsmöglichkeit, am besten noch mit einem peinlich berührten Gesichtsausdruck.

Diese Reaktion kann ich verstehen – so habe ich früher auch reagiert. Ich denke, das kommt von einer Unsicherheit, wie man mit der Situation umgehen soll. Aber ganz ehrlich: Auch mit peinlich berührtem Wegschauen ist niemandem geholfen. Die Menschen, um die es in diesem Moment geht, kriegen das mit. Just saying.

Was also nun?

Die wichtigste Frage ist vielleicht: Muss ich überhaupt reagieren?

Und die Antwort darauf lautet schlicht: Nein.

Niemand weiß, dass er möglicherweise aus deinem persönlichen Rahmen fällt, deshalb erwartet auch niemand von dir, dass du irgendwie auf ihn reagieren sollst.

Ich bin mal so frech und stelle folgende Regel auf: Behandle jeden Menschen, den du im öffentlichen Raum siehst, gleich. Wenn du die für dich „normalen“ Leute normalerweise ignorierst, dann ignoriere die Leute, die aus deinem Rahmen fallen, genauso.

Du musst sie nicht anglotzen. Du musst auch nicht übertrieben offensichtlich und peinlich berührt wegschauen.

Wenn es dein Kind ist, das andere Leute anschaut: Die meisten Kinder glotzen weder noch gaffen sie, sondern sind neugierig. Wenn dein Kind laut fragt „Mama, warum hat der Mann da nur ein Bein?“, oder „Onkel Horst, warum sitzt das Kind so komisch in seinem Rollstuhl?“, dann sag entweder ehrlich, dass du es nicht weißt, oder geh gemeinsam mit dem Kind hin und fragt zusammen nach.

Höflich und freundlich.

Hinweis: Ich kann hier bei Weitem nicht für alle Menschengruppen sprechen, die angeglotzt werden. Dies ist auch nicht mein Anspruch. Es gibt gewiss Leute, die kein Problem damit haben, angestarrt zu werden. Bestimmt gibt es auch Menschen, die umgekehrt nicht gern befragt werden wollen.

2 Gedanken zu „Hört auf zu glotzen!

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